Über mich

Harald Lochotzke

Ein Artikel aus Wirtschaft & Markt – 2002

D
er Rostocker – eine leuchtend rote, weithin sichtbare Skulptur auf dem Dach eines neu errichteten Bürogebäudes an der Warnow. Ein blonder Mann auf der Straße schaut zu ihr hinauf. Die Szene ist inszeniert, genauso wie sie Harald Lochotzke haben wollte. Der Projektentwickler von der Küste mag es symbolträchtig. »Der Rostocker«, sagt er, »sitzt dort, wo der Flusslauf eine entscheidende Wende nimmt - eine Wende aus Richtung Osten.«

Die große Limousine im feinen Schwarz summt leise vor sich hin. Harald Lochotzke steuert sie behände durch Rostocks City. »Dort haben wir gebaut und hier auch«, sagt er alle naselang mit verhaltenem Stolz. Quadratmeterzahlen und Mietpreise trägt er aus dem Kopf vor. »Wir bauen deutlich schneller, kreativer und damit billiger als die Konkurrenz – um mindestens ein Drittel, verstehen Sie?«
Das verstehen wir. Doch mit seinen dezidierten Vorträgen zu Stützsystem, Fassadenkonstruktionen und Materialeinsatz wird es schwierig. »Das Heizungssystem für die Gebäude«, bedeutet er verschwörerisch, sei allerdings ein gesondertes Problem. Man mag ihm das glauben oder nicht. Wir glauben ihm das sofort, nicken artig und merken doch, dass das Gespräch jetzt in andere Bahnen gesteuert werden muss, damit es nicht bald in peinliche Stille versinkt. »Rostock«, nörgeln wir, »führt noch ein ziemlich kümmerliches Dasein, finden Sie nicht?« Lochotzke nickt: »Wir tun alles dafür, dass das anders wird.« »Warum geht es dann trotzdem kaum voran?« »Wir arbeiten daran.« »Wer will die Büros und Geschäftshäuser überhaupt noch haben, die Sie hier bauen?« »Wir reden mit Leuten, deren Headoffices in Hongkong, Singapur und anderswo stehen.« Der Mann am Steuer lächelt. »Sie müssen sich nicht weiter quälen, sagt er. »Mir geht es gut. Sie werden nie etwas anderes von mir hören.« Klar doch, das Geschäftsleben ist wie ein großes Schauspiel. Sein Regisseur hat herausgefunden, dass die Wirkung eines Auftritts nur zu zehn Prozent durch den Inhalt des Gesagten bestimmt wird. Alles andere hängt vom Auftritt selbst ab. Gesten, Betonung, Satzmelodie müssen stimmen. Bei Lochotzke sitzen sie jetzt. »Das Leben ist schön«, befindet der Mann aus der schwarzen S-Klasse nun. Die Kunst sei nur, das schöne Leben in einer unvollkommenen Welt zu führen. Er habe gerade einen Vers dazu gemacht: »Wir wachen jeden Tag auf mit neuen Ideen, mit neuen Gedanken für unser Leben, für unser Leben in Rostock. Na ja, irgendwo hatten wir es schon geahnt, dass es Melancholie nicht nur in der Südsee gibt und auch der Norden nicht immer nur schläft. Trotzdem regt sich das spöttische wie skeptische Herz. Es vermutet, dass der schwarz gewandete und noch immer blond gelockte Prachtkerl sein Leben eher nach dem Prinzip »blauäugiger Durchtriebenheit organisiert, als dass er seine Tatkraft an hehren Selbstverwirklichungsplänen aufreibt. Zu so einem »Siegfried in platt«, quäkt und pocht es in uns. passt eher das leckere Lebensmotiv: Erst ein guter Deal, dann guter Sex, gutes Essen und guter Wein. Schließlich hat das Bild von einem Manne gerade durchs Autotelefon kommandiert: »Ich will dich heute abend in Weiß sehen!« Wirklich wissen aber will man, wie sortiert sich da einer ein, zwischen Ost und West? Und wo kommt man da an im Leben, das die Menschen jetzt so auf das Gegeneinander konditioniert? Will er darauf wirklich Antwort geben? »Wir sollten«, winkt er ab, »erst einmal nur das Schöne sehen«.
Lochotzke ist jetzt 46 und eigentlich längst über die engen Verhältnisse der Küstenstadt hinausgewachsen. Geblieben ist er dennoch in seinem Heimatort. Auch nach der Wende, von der viele Rostocker glaubten, dass sie ihnen ein neues Leben bescheren würde. Dabei wurde ein Großteil von ihnen bloß nicht mehr gebraucht.

Lochotzke aber ist kein grüblerischer Nachfahr aus dem roten Rostock. Er trägt auch kein leidvolles Ostschicksal vor sich her. Krude Abstrakta wie historische Benachteiligung, falsche Erziehung, böser Arbeiter- und Bauernstaat oder verbrecherische Partei wird man von ihm nicht hören. Es wäre auch lächerlich, wenn der bislang so erfolgreiche Geschäftsmann den hinter der verrammelten Fluchttür entmündigten Ossi geben würde.

Im Gegenteil, Herr Doktor oec. strotzt nur so vor unwiderstehlichem Selbstbewusstsein. Ein Gutteil seines Ehrgeizes hat er sich in jungen Jahren beim Kanurennsport antrainiert. Bis zu den Olympischen Spielen hätte der ihn beinahe getrieben. Doch dann kam ein Sportunfall dazwischen und die Spiele 1976 in Montreal fanden ohne Lochotzke statt. Der verhinderte Olympionike gibt sich gelassen, als er diese Geschichte erzählt. »Sie ist«, sagt er, »schon so weit weg.« Wenn er sich da nicht irrt. Die Enttäuschung saß tief und er hat diesen Misserfolg alles andere als gelassen sehen können.
Überhaupt Gelassenheit, was soll das sein? Warten darauf, dass etwas passiert? Damit hätte er sich nie abfinden können. Seine ganze Power, seine Spannung und natürlich sein Wille zum Gewinnen speist sich nicht aus Gelassenheit, sondern aus extremer Motivation. Hätte er sonst schon zu DDR-Zeiten so eine berufliche Bilderbuchkarriere hingelegt?

Nach dem Ökomiestudium folgte sofort die Promotion, später der Einstieg in die Wirtschaft. Erst beschäftigte er sich mit logistischen Problemen des Binnenhandels, später dann mit der Prozesssteuerung eines ganzen Fleischkombinats. Mit 33 Jahren saß Lochotzke auf Kuba, kümmerte sich im Auftrage verschiedener Firmen um eine Messe und wäre am liebsten für lange Zeit in Havanna geblieben. Doch diesmal kam ihm der neunte November ’89 dazwischen. »Als die Nachricht vom Mauerfall bis zu uns auf die Insel drang«, erinnert er sich, »habe ich mir erst einmal ein paar Mojito eingeholfen.« Ein Dutzend Jahre später sitzt er unter dem Dach des ehemaligen Rostocker Pionierpalastes unweit des Bahnhofs. Die große Villa hat er zusammen mit seinem Geschäftsfreund Kunst erworben und aufwendig saniert. Dort, wo Lochotzke als junger Pionier an russischen Raketenmodellen bastelte, entwirft er nun seine unternehmerische Vision von der Stadt. Sein Büro-Loft ist vollgestopft mit Sieger-Accessoires – viel Marmor, viel Glas, viel Chrom und jede Menge Hightech. Lochotzke (www.harald-lochotzke.de) ist online mit dem Erfolg und jeder soll es sehen. Alles, was er nach der Wende in Rostock angepackt hat, scheint ihm gelungen zu sein. »Nein«, sagt er, »mit meinen ersten Projekten habe ich viel Lehrgeld gezahlt.« Die drei Kopiershops, die er gleich nach der Wende aufmachte, habe er wieder abstoßen müssen. Sein Unternehmen für Software-Entwicklung, das zwischenzeitlich schon zehn Leute beschäftigte, funktionierte nicht. Und am Ausbau seiner ersten Immobilie hätte er sich beinahe finanziell verhoben. »Ich habe immer allein weiter gemacht«, bekennt Lochotzke. Es darf gerätselt werden, welche selbst gewählte Freiheit oder Einsamkeit er damit verbindet. Oder steckt er nur in dem so weit verbreiteten Dilemma, eine Beziehung nie so recht gebacken zu bekommen? Das Prinzip Nähe, der Realismus Hoffnung - Lochotzke findet keine Zeit, sich darauf einzulassen. Die Kraft des Glamours und reichlich egomane Energie treiben ihn Zoll um Zoll voran. Und wie. Inzwischen sitzt er auf einem Berg von Häusern und Gebäuden. Das Gros ist neu gebaut und wie er behauptet fast komplett vermietet. Eine Leistung in dieser Stadt, in der jeder Immobilist oder Projektentwickler jetzt die Finger von solchen Unternehmungen lässt. Schließlich wirbt an allen Ecken und Enden Rostocks ein Plakat nach dem anderen um Vermietung. »Wenn es etwas nützen würde«, grient Lochotzke, »würden die Besitzer Mieter mit der Sänfte in ihre Häuser tragen.« it seinen mittlerweile 56 Immobilien ist Lochotzke längst Platzhirsch in der Stadt. Und von handfester Konkurrenz will er schon gar nicht mehr reden. Nur sein Geschäftsfreund aus der unteren Etage - Rostocker wie er – kann ihm noch das Wasser reichen. Alle anderen Konkurrenten »made in West« hat er in einem gnadenlosen Preiskampf aus der Stadt getrieben. Das hat ihm Anerkennung in Rostock eingebracht und natürlich auch gehörig Neid. »Aber auch den«, sagt er. »muss man sich erst einmal verdienen. Doch das müssen ihn selbst die größten Neider lassen. Sein unermüdliches Entertainment für Rostock und sich selbst hat die Stadt ins Gespräch gebracht.

»Allein mit Meer, Sonne und Strand«, ist Lochotzke überzeugt, könne die Hansestadt im Standortwettbewerb um Investoren und mediale Aufmerksamkeit nicht bestehen. Und weil er nicht länger nur Wortgirlanden für die immer noch spärlich besetzte Rostocker Galerie winden will, hat er Teile des Marketings für seine Heimatstadt gleich selbst in die Hand genommen. Lochotzke ist Chef des Fördervereins, der die Segelwettbewerbe für Olympia 2012 nach Rostock-Warnemünde holen soll. Jede Aktion dafür ein schlagzeilenträchtiges Event, darunter will er es nicht machen. So hat er zum Auftakt gleich einmal Alpendudler Ötzi an den Strand von Warnemünde einfliegen lassen und damit den Badeort fast lahm gelegt. Als nächstes will er nun 15.000 Schüler zum Fußballturnier laden und mit den 120 Besten im Frühjahr nächsten Jahres für zwei Tage nach Athen zum Austragungsort der nächsten Sommerspiele fliegen. Eine Boeing dafür hat er schon gechartert. Nun hängt er fast jeden Tag am Telefon, um Sponsoren dafür zu werben. »Unglaubliche Ehre, unglaubliche Arbeit, unglaublicher Genuss«, feixt der Agent für Rostocker Unruhe. Er ist einfach in seine Inszenierungen verliebt. Gerade hat er eine riesige rote Skulptur auf das Dach seines neuen Bürohauses unten am alten Hafen setzen lassen. Der Rostocker, wie er sie genannt hat, soll Zuversicht und Aufbruch symbolisieren. Zugegeben, mit seinem irrsinnigen Aufbruchselan hat er schon viel Kleinmut aus der Stadt vertrieben. Jetzt aber hat er sich einen neuen Deal ausgedacht, der Rostock einen schicken Glaspalast bringen, ihm selbst aber geschäftlich den Kopf kosten könnte. Lochotzkes neueste Unternehmung heißt Deutsche Med. Es soll auf 14.000 Quadratmetern Europas modernstes Gesundheitszentrum werden. Hört sich gut an und ist es auch, denn Lochotzkes Traum aus Glas hat Helmut Jahn entworfen. Den Baumeister aus Chicago, dessen Bauten die großen Metropolen der Welt zieren, hat Lochotzke bereits nach zwei Telefonaten für sein Projekt gewonnen. Sagt er jedenfalls. Ist auch nicht wichtig, Jahn hat entworfen und Lochotzke baut bereits. Am 17. Mai dieses Jahres war Grundsteinlegung, im Februar 2004 soll das Zentrum fertig sein. Aber auch das soll wieder nur ein Zwischenschritt sein. Auf dem Papier stehen schon die Folgebauten von focus media, mit dann noch einmal 80.000 Quadratmetern - viel Platz für Institute, Unternehmen und Institutionen. Rund 150 Millionen Euro kostet der gesamte Komplex, 30 Millionen davon wird die Deutsche Med beanspruchen.

Über Geld aber redet Lochotzke kaum. Das Finanzkonsortium stehe, sagt er, viel mehr sei dazu nicht zu sagen. Umso emsiger breitet er seine Vision aus Glas vor uns aus. Leute, die durch helle Etagenfluchten ziehen, hier beim Neurologen vorbeischauen, dort beim Physiotherapeuten Halt machen. Dazwischen schnell mittels asiatischer Heilverfahren nervöse Zuckungen und juckende Ekzeme bekämpfen lassen. Ach ja, alles rührt von der vergifteten Darmflora her, wir haben davon gehört. Rundumcheck im medizinischen Schlaraffenland: rund 20 Arztstationen, Patienten-Aufruf »just-in-time«, ambulante Operationssäle, Chiropraxen, Wellness& Fitness, Beautyfarm… Lochotzke spricht von einer Revolution im Gesundheitswesen, die er in Rostock mit der Deutschen Med anzetteln will. »Und alles bezahlbar«, betont er gleich. »Wir haben das durchgerechnet.« Wir wollen ihm das glauben, skeptische Zweifler hat er genug. Nur sind revolutionäre Umbrüche im deutschen Gesundheitswesen so häufig wie Flutkatastrophen in der Sahara. Hat er das wirklich bedacht? Sicher hat er das. Doch der große Erfolg ist nun für ihn beschlossene Sache. Er richtet sich auf ihn ein, als sei es für immer. Bleibt sein Traum vom Glück. Lochotzke schweigt und scheint zu lauschen: »Am Meer sitzen, verstehen Sie? Nein, dafür muss man am Meer geboren sein…«

Steffen Uhlmann

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